Standesvorurteile Drucken
Standeserhöhungen - Adelsrechtliche Texte

SCHULLERN-SCHRATTENHOFEN, Hermann - "Standesvorurteile", in Monatsblatt ADLER, S. 475 f.

Standesvorurteile

Unsere demokratische Zeit nimmt mit Vorliebe gegen die Geburtsaristokratie Stellung, wogegen sie sich vor der Plurokratie in Demut verneigt, ohne zu wissen, dass die demokratische Bewegung sie zwar von einem Herrn befreit, ihr dafür aber einen anderen, im allgemeinen weit härteren aufgebürdet hat. Die Geburtsaristokratie, soweit sie reich und mächtig und in mancher Richtung auch politisch einflussreich ist, wird - wie man sagt - als Trägerin und Hort aller rückschrittlichen Bestrebungen, oft mit Leidenschaft angegriffen, aber doch gefürchtet und, weil vom Schimmer des Goldes umstrahlt, ähnlich wie die Plurokratie widerwillig verehrt. Ein Gegenstand des Spottes ist den Vertretern der demokratischen Weltanschauung unser Kleinadel, der sich ein gewisses Standesbewusstsein erhalten hat, obwohl er sich meist, weil gering an Besitz oder besitzlos, sein Brot wie andere Sterbliche verdienen muss und nur durch die Tradition von ihnen um eines Haares Breite absteht.

Ich meine hier den älteren Kleinadel, der eben schon eine Tradition besitzt und nicht den zahlreichen Adel ab den siebziger und achtziger des 19. Jahrhunderts, der meist aus Beamten oder gar aus den Kreisen des Handels und der Industrie hervorgegangen, vielfach nicht weiß, wie der Großvater geheißen hat. - Ich meine, der Spott über jenen älteren Kleinadel, den die Verhältnisse zum guten Teile - sozusagen - proletarisiert haben, hat nicht nur das gegen sich, dass er allzubillig ist - man kann sich mit ihm vergnügen, ohne irgendwelchen Aufwand an Witz und Geist - sondern auch das, dass er in der Regel ungerecht ist. - Die Tradition, welche in einer Familie fortlebt, hat einen ähnlichen Wert, wie das Bewusstsein der Sesshaftigkeit. Der Gedanke, dass generationenlang das eigene Geschlecht im Dienste des Vaterlandes gestanden, dass seine Angehörigen als Offiziere oder Beamte dessen Schicksale unmittelbar mitgemacht, dass sie für das Vaterland geblutet haben, bedeutet für das Geschlecht einen Schatz; durch dieses Bewusstsein wird aber auch das Geschlecht ein Schatz für das Vaterland, mit dem es verwachsen ist in Leid und Freud'. Die Taten der Altvordern, durch den Spiegel der Erinnerung verklärt, werden mustergebend für die Nachkommen und regen sie zu Arbeit und Opfermut an. Tritt damit ein Element ins Staatsleben, in dem ein konservativer Zug hervortritt, so ist das kein Unglück; so mächtig wird es nie sein, dass es einen vernünftigen Fortschritt hemmen könnte; ja, das vererben Pflichtbewusstsein wird es sogar dahin führen, solchen notwendigen Fortschritt zu fördern, gegebenenfalls sogar trotz einer drohenden Schädigung seiner selbst; es wird aber ein wertvolles Gegengewicht gegen allzu stürmische und katastrophale Neuerungspolitik bieten. Heute, wo der Kollektivitätsgedanke immer breitere Gebiete sich erobert, wird es gerade dieser im Staatsgedanken lebenden und von ihr getragenen Gesellschaftsschichte ganz von selbst nahe liegen, ihn zu fördern, soweit er Berechtigung besitzt. Das Feudalprinzip, aus dem der ältere Adel hervorgewachsen ist, war doch auch ein kollektivistisches Prinzip, wenn auch einer für die heutigen Verhältnisse veralterten Art; es hat alle freien Glieder des Volkes durch das Band gegenseitiger Treue zu einem großen, alles beherrschenden Ganzen, personifiziert im Könige, zusammengeschmiedet, allerdings eben in sozialer Schichtung, was in einem modernen Staate mit kollektivistischem Einschlage entfiele. – Wenn wir heute erkannt haben, dass die Rettung und Hebung des Bauern-, die Festigung des Kleingewerbestandes eine unbedingte Notwendigkeit ist, so wird diese Erkenntnis gerade beim Kleinadel Verständnis finden, der ja auch den Grundgedanken der Bodenständigkeit vertritt und ihn auch praktisch festhält wo er kann. – Wäre der Kleinadel in Österreich nicht, wie schon gesagt, meist proletarisiert, so könnte er ein noch viel wichtiger Faktor im Staatsganzen sein, als er heute ist. Es liegen in ihm große Schätze von Wissen und Können, von gutem Willen und Tugend seit Jahrhunderten aufgehäuft; es wäre nur notwendig, sie, soweit noch vorhanden, zur Entfaltung zu bringen, indem man ihm wieder ein Tätigkeitsgebiet gibt oder – besser gesagt – indem man ihn nicht absichtlich beiseite drängt, wenn es gilt, die Tätigkeitsgebiete zu verteilen.

Unser österreichischer Kleinadel ist durch die geschichtliche Entwicklung in seine heutige missliche Lage gedrängt worden; sein alter Grundbesitz ist meist verloren gegangen, die massenhaften Nobilitierungen des neunzehnten Jahrhunderts und das energische Bestreben, den neuen Adel dem älteren sozial vollständig gleichzumachen, respektive ihn darüber tatsächlich hinauswachsen zu lassen, das wohl nur bei uns übliche hohe Einwerten der Titel des Adels, dies und manches andere hat die angedeutete Folge gezeitigt. Damit aber ist der älter Kleinadel als solcher lahmgelegt, die in ihm ruhenden Kräfte sind gefesselt, er dient nur noch in einzelnen seiner Mitglieder, nicht aber als Ganzes so dem Staate, wie er berufen wäre, es zu tun.

Wie ganz anders ist dies im Deutschen Reiche und vor allem in Preußen. Es mag ja manches am preußischen Junker unangenehm berühren, ja abstoßen, im Grunde aber ist er ein ganzer Mann, eine felsenfeste Stütze des Staatsganzen, die Grundsäule von Thron und Altar. Was wäre Preußen ohne seine Junker! Ich möchte der Meinung sein, dass man ruhig das Harte, Rauhe an ihnen hinnehmen kann, da das Große weit darüber hinausragt. Diese Art von Kleinadel klebt an der Scholle, liebt sie, sie liebt das Vaterland, liebt die Dynastie und ist mit alledem eines; sie hat sich ihren Besitz durch die Jahrhunderte erhalten, nicht um sich dem Wohlleben hinzugeben, sondern meist um sich in Mühe und Entbehrung des Trost des eigenen Heims zu wahren und durch die Generationen in heiligem Familiensinn in diesem Heime ihr Mekka zu erkennen. Als Grundbesitzer hat sie Einfluss auf die örtliche Verwaltung erlangt – schon mit Rücksicht auf das in Deutschland weit verbreitete System der Ehrenämter, sie hat Beamte und Offiziere dem Vaterlande gestellt, denen es zu danken ist, dass Preußen die furchtbarsten Krisen überstanden hat und aus jeder immer mächtiger hervorgegangen ist; sie steht dem Königshause persönlich nahe, das sich nicht von ihr abschließt, aus ihr stammen – das Vertrauen der Könige hat dies ermöglicht – fast alle die großen Feldherren und Staatsmänner des neunzehnten Jahrhunderts und der Gegenwart. In Pflichtgefühl und Arbeit gestähle Männer in großer Zahl hat das preußische Junkertum seinem Vaterlande gegeben, und dafür gebührt ihm dessen Dank. Die harmlosen Scherze der einen, die beißenden Satiren anderer Witzblätter strafen es genügend für seine kleinen Schattenseiten, die es ja immerhin auch ebenso aufweisen mag, wie andere Gesellschaftsschichten die ihren. Auch hier ist es der Zauber der Tradition, der im Grundbesitze seine Stütze findet, was ich als den Talisman ansehe, der den ungeheuren sozialen Wert des Junkertums begründet. Zu ihm gehört der sogenannte ritterschaftliche Grundbesitz, ohne Rücksicht auf den Adelsgrad; der Großbesitz gehört auf ein anderes Gebiet, da er nicht auf Arbeit am Gute oder im Staatsdienste angewiesen, also auch nicht so innig mit Scholle und Staat verquickt ist.

Wenn wir in Österreich Junker hätten, wie Bismarck und Hindenburg es waren, und die Bülows, und Puttkammers usw. usw., deren jeder einen oder auch viele Steine dem preußischen Staatsgebäude eingefügt hat!

Nun – was Preußen hat und was in ihm und wodurch es selbst geworden ist, das fehlt bei uns und kann wohl auch nicht mehr rekonstruiert werden, die Zeit ist versäumt; vielleicht lassen sich noch einige Trümmer retten; rettet, was möglich ist. Das Standesbewusstsein ist nicht immer ein verwerfliches Standesvorurteil und es ist es dann gewiss nicht, wenn es nicht in Dünkel, in Weltfremdheit ausartet, wenn es sich nicht mit Herrschgelüsten paart, sondern aus dem Gefühle hervorgeht, man habe von den Ahnen eine heilige Pflicht ererbt, die Pflicht, in Treuen und nach bestem Wissen und Gewissen dem Vaterlande zu dienen, mit Gut und Blut und Leib und Leben.