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THEMA: Ach, Sie tragen nur ein "von"?
Ach, Sie tragen nur ein "von"? 19 Jun 2010 06:32 #430
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Ach, Sie tragen nur ein "von"? - Aristokratie folgt strengen Hierarchien. Adel von A bis Z
Berliner Morgenpost, Freitag, 30. Mai 2008 Adelskalender erleichtern auch dem Adel die Unterscheidung zwischen echt und falsch. Der berühmte "Gotha" ging zwar 1945 ein, wurde aber durch das "Genealogische Handbuch des Adels" ersetzt, das die Hierarchie auch optisch sichtbar macht - rote Bände den Fürsten, grün den Grafen, violett die Barone und grau die untitulierte Masse. Beinamen benutzt nicht nur, wer wie Graf Bobby einen Spitznamen trägt. Clusterbildung kommt vor: Auch Erbschaften führen zur Namensverlängerung, so etwa bei den Grafen und Edlen Herren von und zu Eltz, genannt Faust von Stromberg (Frauenvariante: Edle Tochter etc.). Der mutmaßliche Rekordhalter Prinz Franz Albrecht zu Hohenlohe-Schillingsfürst-Breunner-Enckevoirth-Metternich-Sándor mag froh sein, sich von Zeit zu Zeit einfach nur Herzog von Ratibor und Corvey nennen zu können. Was das deutsche Ehenamenrecht aus Gräfin Johanna zu Stolberg-Stolberg gemacht hat, nachdem sie den Prinzen Clemens zu Salm und Salm-Salm heiratete, will man lieber nicht wissen. Dilettantenfalle "von": Leute, die glauben, sie müssten jene, die nur ein "von" haben und keinen Titel, bei jeder Namensnennung vonsen ("von von Bismarck ist bekannt, dass er von von Holstein eine schlechte Meinung hatte"), nerven nur. Sprachlich richtig ist das nur nach Nennung des Titels (Freiherr von Beust) oder Vornamens (Dominique de Villepin) - sonst heißen die Herren einfach Beust und Villepin. Das Gegenbeispiel de Gaulle hinkt, weil der General kein Adeliger war, sein "de" klebte so untrennbar am Bürgernamen wie das der Herren De Niro oder Di Caprio. Ebenbürtige Eheschließungen sind noch immer gern gesehen. Und ersparen Enterbung, denn im deutschen Hochadel gelten nach wie vor uralte Hausgesetze. Erst kürzlich bestätigten die Gerichte einem Preußenprinzen und dem Fürsten von Leiningen, dass ihre Enterbung wegen bürgerlicher Heirat solange rechtens sei, wie das Hausgesetz dem Rechtsempfinden seiner Entstehungszeit entspreche. Freie Partnerwahl ist eine hübsche moderne Idee, aber keine von altem Adel. So gesehen, hat Prinzessin Dianas Ex-Liebhaber Major Hewitt noch Glück, dass ein in England nach wie vor gültiges Gesetz des 14. Jahrhunderts nicht mehr angewandt wird, welches die Schändung der Kronprinzessin mit Vierteilen bestraft. Hierarchie muss sein - aber welche? Hier hat jede Familie einen eigenen Standpunkt. Wer einen hohen Titel trägt, weiß, dass sich der Rang danach richtet. Wer aus einer alten untitulierten Familie kommt, misst alles am Alter. Ein uradeliger Nur-Graf kann durchaus die an sich höherrangigen Fürsten von Thurn und Taxis "diese Briefträger" nennen, weil die zwar seit Generationen königliche Prinzessinnen heiraten, aber vor gerade erst 500 Jahren als bürgerliche Postmeister angefangen haben. Käuflich waren Adelstitel nur gelegentlich. Im alten Deutschen Reich amtierte zwischen dem Tod des Kaisers und der Wahl des Nachfolgers ein Reichsvikar, der währenddessen selber adeln durfte und gegen Ende seiner Amtszeit eine Art Schlussverkauf veranstaltete. Titel der Jahre 1742, 1745, 1790 und 1792 sind Kennern daher suspekt. In Frankreich konnte man sich durch den Kauf eines Amtes selber adeln, wenn man es 20 Jahre lang behielt. Ein Verein jener Familien, die bei Revolutionsausbruch erst im 18. oder 19. Amtsjahr waren, kämpft heute noch um Anerkennung ihres Adels. Liebe kann adeln - den, der fest dran glaubt. Wer als Bürger unbedingt blaues Blut will, sollte seine Vorfahren in weiblicher Linie erforschen: Über die stammt heute jeder Württemberger von Graf Ulrich dem Vielgeliebten ab. Märchenstunde ist hingegen, wenn in bürgerlichen Familien erzählt wird, "wie wir früher mal adelig waren". Solche Legenden sind in 99 Prozent der Fälle Erfindungen von Wappenschwindlern des 19. oder 20. Jahrhunderts, die dem erfreuten Kunden die Abkunft von ähnlich klingenden Adelsfamilien vorgaukelten. Normale Namen sind Titel erst seit Abschaffung des Adelsstandes 1918. Was damals wie eine gute Idee zur Rettung der Titel aussah, ist längst zum Fluch geworden, seit bei der Adoption nicht mehr nur der Name, sondern auch der Titel übertragen wird. Heute bestehen manche Artikel im Adelskalender fast nur noch aus - demonstrativ kleingedruckten - Adoptierten. Prädikate, also Anredeformeln, sind (in absteigender Rangfolge) Majestät (aber bei direkter Ansprache: Sire bzw. Madame), Kaiserliche bzw. Königliche Hoheit, Hoheit, Durchlaucht (Schaumburg-Lippe: Hochfürstliche Durchlaucht), Erlaucht, Fürstliche Gnaden, Hochgeboren, Hoch- und Wohlgeboren, Wohlgeboren. Titel sind Kaiser, König, Großherzog, Herzog (inkl. Landgraf, Markgraf, Erzherzog), Fürst bzw. Prinz, Marquis, Graf, Vicomte, Freiherr (korrekt für Baron; Ehefrau: Freifrau, Tochter: Freiin) und Ritter oder Edler, was älter klingt, als es ist: Fast alle Ritter und Edlen sind Nachkommen österreichischer Beamter, die vor 1918 nach einer gewissen Dienstzeit automatisch geadelt wurden. Uradelig sind Familien, die vor 1400 adelig waren und so behaupten können, es schon immer gewesen zu sein. Wer später geadelt wurde, erhielt den Adelsbrief (Briefadel) und kann die bürgerliche Herkunft also nicht leugnen. Da die Unterscheidung zwischen Hoch- und Niederadel hiervon unabhängig ist (hochadelig ist in Deutschland, wer vor 1806 einen Sitz auf dem Reichstag hatte und daher rechtmäßig in das "Allerhöchste Erzhaus" der Habsburger einheiraten kann), gibt es Familien wie die Thurn und Taxis, die hochadelig, aber nicht uradelig sind. Die entscheidende Frage stellte 1648 ein - natürlich uradeliger - Dichter: Wird auch die Maus geadelt, die den Adelsbrief frisst? Vornamen folgen der Familientradition, etwa Kraft bei den Hohenlohe, Bolko bei den Hochberg, Dedo im Hause Sachsen und Dodo bei den Knyphausen. Im Hause Reuß heißen seit 1196 alle Söhne Heinrich, was zur lateinischen Nummerierung zwingt. In Königshäusern treten Vornamen hinter Titel zurück. Die Kronprinzen von Großbritannien, Spanien und Belgien heißen so Prinz von Wales, Prinz von Asturien und Herzog von Brabant, wohingegen das WG-kumpelige "der Charles", "der Felipe" und "der Philippe" Produkte der Boulevardpresse sind. Winston oder nicht Winston? Auch einen Lord nennt man nur beim Vornamen, wenn er wie Oscar Wildes Liebhaber Lord Alfred Douglas der jüngere Sohn eines Herzogs oder Marquis ist. Umgekehrt heißt es nie "Sir Churchill", sondern immer "Sir Winston Churchill" oder einfach "Sir Winston". Zu viel, zu wenig - zwischen diesen Extremen muss jedes Adelshaus hindurch. Mit zu wenigen Nachkommen riskiert es das Aussterben, mit zu vielen, was den Grafen D. wiederfuhr, als auf einer Adelshochzeit Gräfin T. nach einem gefragt wurde: "Ach weißt Du, D . . . s gibt es so viele, die muss man nicht alle kennen." Leonhard Horowski |
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